Tacis City-Twinning Projekt zwischen dem Landkreis Mittweida
und dem Khuvsgul-Aimag
Nach anderthalb Jahren Vorbereitungszeit ist es nun soweit. Im Dezember 1999
wurde der Vertrag zwischen dem Landratsamt Mittweida und der Bezirksverwaltung
Khuvsgul unterzeichnet. Das Projekt wird mit EU-Fördermitteln finanziert. Ziel
des Projektes ist es, Unterstützung bei dem Aufbau der örtlichen Verwaltungen
in der Mongolei zu geben. Das besondere dabei ist, dass hier die örtlichen Verwaltungen
in Deutschland und der Mongolei direkt zusammen arbeiten, mit dem zusätzlichen
Effekt, dass sich eine Partnerschaft entwickelt und der Kontakt auch nach Abschluss
des Projektes nicht abbricht. Thematisch beschäftigt sich das Projekt mit der
Rolle der Verwaltung bei der Förderung und Steuerung touristischer Aktivitäten
und mit dem behördlichen Vollzug von Naturschutzgesetzen.
Solche Projekte sind wichtig und ausgesprochen nützlich, da hier eines der Hauptprobleme
der mongolischen öffentlichen Verwaltung liegt. Das Land verfügt heute über absolut
moderne und nützliche Gesetzesgrundlagen, die aber kaum wirksam durch die unteren
Verwaltungsorgane vollzogen werden. Die Tacis City-Twinning Projekte können eine
wirksame Hilfestellung sein. Fachlich wird die Landkreisverwaltung bei diesem
Projekt von unserer Firma und der Hochschule
für Technik und Wirtschaft in Mittweida unterstützt.
Mit der Ankunft
mongolischen Projektteilnehmer am 23. Mai 2000 in Deutschland hat die praktische
Realisierung des Arbeitsprogrammes begonnen. Die vier Mitarbeiter der Provinzverwaltung
Khuvsgul werden sich bis zum 4. Juni 2000 in Mittweida aufhalten und an zahlreichen
Seminaren teilnehmen.
Hauptthema wird neben der Tourismusentwicklung und dem Umweltschutz, die Erarbeitung
eines Regionalentwicklungsplanes sein. Auf deutscher Seite arbeiten Mitarbeiter
des Landrates, der Hochschule Mittweida sowie fremde Fachkräfte an diesem Projekt
mit.
In der Region Khuvsgul
im äußersten Norden der Mongolei hat sich der Tourismus in den letzten Jahren
am dynamischsten entwickelt und die traditionellen Tourismusgebiete Süd-Gobi und
Karakorum / Changai überholt. Insofern bilden die drei Themen der Projektarbeit
eine Einheit. Im Ergebnis soll sicher gestellt werden, dass der Tourismus im Bezirk
weiterer Wirtschaftsfaktor neben der traditionellen Viehwirtschaft eine bedeutende
Rolle einnehmen kann.
Der erste Arbeitsaufenthalt der mongolischen Kollegen umfasste ein umfangreiches
Arbeitsprogramm. Am 4. Juni reiste die mongolische Delegation dann wieder nach
Moron zurück. Vorher fand noch ein kurzes Treffen mit dem Präsidenten
der Mongolei, Bagabandi, statt, der sich zum Zeitpunkt zu einem offizielle Staatsbesuch
in Berlin aufhielt.
Vom 18. bis 25. Juni weilte dann die erste deutsche Delegation in der Mongolei,
um sich mit der Situation vor Ort vertraut zu machen.
Das Interesse der Landkreisverwaltung in Mittweida an der Durchführung eines
solchen Projektes mit einer Bezirksverwaltung in der Mongolei ist nicht rein zufällig.
Der Anstoss dazu kam unter anderem auch von der in Mittweida ansässigen Hochschule,
in der eine grössere Zahl von Studenten aus der Mongolei ihr Studium absolvieren.
Ausserdem gibt es mit der Consulting Deutschland-Mongolei im Landkreis eine Firma,
die sich um die Vermittlung von wirtschaftlichen Kontakten zwischen der Mongolei
und Deutschland bemüht, wodurch auch schon Geschäftbeziehungen zwischen
regionalen Unternehmen und Firmen aus der Mongolei entstanden.
Nachdem die Landkreisverwaltung ihr Interesse an einem solchen Projekt bekundet
hatte war mit Hilfe des Consulting Büros schnell ein erster Kontakt mit der
Bezirksverwaltung in Murun hergestellt. Diese Bezirksverwaltung wurde vor allem
deshalb ausgewählt, weil sie zu den Bezirken im Westen des Landes gehört,
in denen die wirtschaftliche Entwicklung seit Beginn des Transformationsprozesses
Anfang der 90 er Jahre am stärksten zurück-gegangen ist. Die Gründe
dafür liegen vor allem in der ungünstigen geostrategischen Lage und
den selbst für mongolische Verhältnisse extremen klimatischen Verhältnissen
der Region. Ein weiterer Punkt, dass die Auswahl auf den Khuvsgul Bezirk viel,
war die Tatsache, dass im Bereich des Khuvsgul- Sees in den letzten Jahren ein
grosser Nationalpark installiert worden war und gerade in dieser Region eine stärkere
touristische Entwicklung eingesetzt hat. Damit war ein interessantes Thema für
die Projektarbeit gegeben, nämlich die Aufgabe der staatlichen Verwaltung
bei der Steuerung der touristischen Entwicklung in Einklang mit den Zielen des
Umwelschutzes im Nationalpark.
Als Themenvorschlag für das damit beantragte Projekt wurde dann auch gerade
diese Thematik in den Fordergrund gestellt. Um bereits in der Antragsphase die
entsprechenden Informationen zur Verfügung zu haben war die Mitarbeit eines
externen Fachberaters im Projekt günstig. Im Rahmen der seit vielen Jahren
stattfindenden Aktivitäten in der Mongolei konnte das Consulting Büro
vor Ort Gespräche mit dem Gouverneur der Bezirksverwaltung führen, was
um so wichtiger war, da der Landkreisverwaltung zu diesem Zeitpunkt kaum finanzielle
Mittel zur Verfügung standen um solche Treffen stattfinden lassen zu können.
Es gelang auch den Deutschlandbesuch von zwei Abgeordneten aus dem Bezirk Khuvsgul
für ein Treffen und erste Gespräche in Mittweida zu nutzen. Auf Grund
der somit schon vorhandenen recht intensiven Kontakte zwischen beiden Verwaltungen
war das Interesse an einer Genehmigung des Projektes natürlich entsprechend
gross. Sehr günstig erwies sich innerhalb der Antragsphase die Mitarbeit
der Hochschule in Mittweida in diesem Projekt, da hier die entsprechenden Erfahrungen
für die Beantragung und Abwicklung solcher Projekte vorlag. Mit der Zusage
zum Projekt im Herbst 1999 musste dann auch ein straffer Zeitplan eingehalten
werden.
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Die Vertragsunterzeichnung in Tbilissi, bei der die offiziellen Vertreter
beider Seiten zugegen waren fand bereits im Dezember statt. In den nächsten
Wochen wurden dann die geeigneten Projektmitarbeiter seitens der mongolischen
Verwaltung ausgewählt. Das Thema der Projektarbeit wurde nach kleineren Änderungen
schwerpunktmässig auf den Bereich Regionalplanung, Tourismusentwicklung und
Umweltschutz ausgerichtet. Planmässig reisten dann Ende April die vier mongolischen
Verwaltungsmitarbeiter in Mittweida an.
Der erste Besuch dauerte 6 Wochen und diente vor allem dem Ziel, den mongolischen
Kollegen die Inhalte und Formen von Regionalplanungen zu vermitteln und ihnen
die Instrumentarin einer demokratischen Verwaltungsarbeit zu erläutern. Dazu
wurden neben zahlreichen Seminaren und Gesprächen auch Fachexkursionen durchgeführt.
Dabei wurden auch technische Anlagen des Umweltschutzes besichtigt. Die Aktivitäten
eines touristischen Zweckverbandes wurden eben so nahegebracht wie die Lösung
von infrastrukturellen Problemen einer sich im Wandel befindlichen Region. Abrechenbares
Endergebnis der Projektarbeit soll in erster Linie ein regionaler Entwicklungsplan
für die nördlichen Kreise des Bezirkes Khuvsgul sein.
Dazu war es auch dringend erforderlich, dass die auf der deutschen Seite am Projekt
be-teiligten Mitarbeiter sich ein Bild von den tatsächlichen Verhältnissen
in der Region um den Khuvsgul-See machen konnten. Die Grundzüge der Regionalplanung
sind zwar übertragbar, die Inhalte aber praktisch nicht. Allein die Tatsache,
dass die Bevölkerungsdichte im deutschen Landkreis etwa 100 mal höher
ist als im Bezirk Khuvsgul zeigt, dass die mongolischen Probleme ganz anderer
Art sind. Um die Situation an Ort und Stelle analysieren zu können reiste
im Juni die erste offizielle Delegation der deutschen Seite nach Murun. Der Landrat
persönlich führte die dreiköpfige Gruppe. Im August reiste dann
planmässig die zweite deutsche Abordnung in die Mongolei. Beide Aufenthalte
dienten vor allem dazu, das seitens der deutschen Projektmitarbeiter so viel als
möglich Informationen über die Region gesammelt werden konnten, die
dann bei der Unterstützung der mongolischen Kollegen im Rahmen der Erarbeitung
des regionalen Entwicklungsplanes zum Tragen kommen sollen.
Im September 2000 kamen dann die vier Verwaltungsmitarbeiter aus Murun zum zweiten
mal nach Mittweida um die Erarbeitung des regionalen Entwicklungsplanes weitgehend
abzuschliessen. Hierbei haben sich natürlich das vorhergehende Trainingsprogramm
und die nunmehr vorhandenen Kenntnisse bei den deutschen Kollegen bezahlt gemacht.
Während dieser Zeit arbeitete auch eine mongolische Praktikantin der Carl-Duisberg-Gesellschaft
am Projekt mit, die in der Mongolei in der Staatskanzlei mit Infrastrukturmaßnahmen
beschäftigt ist. Nachdem die mongolischen Teilnehmer wieder in ihre Heimat
zurückgekehrt waren und dort die abschließende Fassung des Planes erarbeiteten
reiste der Gouverneur der Provinz nach Mittweida und legte die Arbeit zu einer
nochmaligen Diskussion mit den deutschen Teilnehmern vor. Gleichzeitig kam es
zum Abschluss einer Kooperationsvereinbarung zwischen dem Landkreis Mittweida
und der Region Khuvsgul. Mit letzten Vorschlägen zu Korrekturen des Planes
reiste dann ein Mitarbeiter der Landkreisverwaltung im März 2001 nochmals
nach Murun und erlebte dort auch hautnah die Probleme der Winterkatastrophe 2001,
den sogenannten Zuud.
Nachdem das Programm nun beendet ist kann man die Frage nach dem Nutzen schon
konkret beantworten. Als äusserliches und messbares Ergebnis wird in erster
Linie ein regionaler Entwicklungsplan entstehen, der Aspekte der wirtschaftlichen
Nutzung, der Tourismusentwicklung und des Naturschutzes gleichermassen berücksichtigt.
Er wird sich an den wirtschaftlichen Möglichkeiten orientieren müssen
um möglichst realitätsnah zu bleiben. Zum anderen sind im Rahmen dieses
Programmes offizielle und persönliche Beziehungen entstanden die es zu pflegen
und weiterzuentwickeln gilt. Eines der grundlegenden Probleme in der wirt-schaftlichen
Entwicklung der Mongolei sind unter anderem die fehlenden internationalen Kontakte
auf wirtschaftlichem Gebiet und die geringe Beteiligung von Auslandskapital. Der
Grund hierfür liegt mit Sicherheit in dem mehr als geringen Wissen über
das Land und einem einseitigen Bild von Rückständigkeit und Abgeschiedenheit.
Deshalb ist es heute unbedingt erforderlich gerade in Europa das Bild von der
Mongolei neu zu zeichnen. Allein in Ver-bindung mit dem Aufenthalt der mongolischen
Arbeitsgruppe in Mittweida sind eine Vielzahl von Pressemitteilungen erfolgt,
die an diesem neuen Bild gezeichnet haben. Wenn man bedenkt, das die einzigste
nennenswerte Pressemitteilung der letzten Jahre über die Mongolei eine Hungersnot
für eine Million Menschen prophezeite, die dann doch nicht stattfand, ist
die Wirkung solcher andersgearteten Berichte nicht zu unterschätzen.
Es gibt aber auch eine Begründung dafür, worin der spezielle Nutzen
zu sehen ist, dass deutsche Verwaltungsangestellte an einem Plan für die
Entwicklung einer Region in der Mongolei mitarbeiten. Wie bereits erwähnt
betrifft dieser Plan eine Region in der die sensiblen Bereiche von Tourismus und
Naturschutz zusammentreffen. Oberstes Ziel muss die vollständige Erhaltung
der bisher unberührten Natur im Khuvsgul-Nationalpark sein. Der zunehmend
stattfindende Tourismus und die Viehwirtschaft als die einzigsten Erwerbsquellen
in der Region konkurrieren mit diesem Ziel. Hier kann die Erfahrung deutscher
Planer, die in ihren eigenen Planungen einen sehr hohen Anspruch an die Umweltverträglichkeit
stellen nur recht sein.
Eines der grössten Defizite der mongolischen staatlichen Verwaltung ist
die ungenügende Durchsetzung von Gesetzen auf der unteren Verwaltungsebene.
Hier konnte der Einblick in die Arbeit der Mittweidaer Landkreisverwaltung den
mongolischen Kollegen deutlich zeigen, wie weit kommunale Selbstverwaltung gehen
kann und wie man damit staatlicherseits Prozesse steuern kann. Die Mongolei verfügt
zwar über sehr moderne Gesetze, die teilweise auch mit deutscher Hilfe erarbeitet
wurden, aber in der täglichen Arbeit der unteren Verwaltungsebenen werden
diese Möglichkeiten kaum genutzt. Insofern waren die wenigen Wochen des Aufenthaltes
in der Verwaltung in Mitteida für die vier Projektbearbeiter aus Murun nach
eigenen Aussagen auch ein Anstoss für die tägliche Arbeit in der Mongolei,
denn gerade im Spannungsfeld zwischen Tourismus und Umweltschutz sollte die Bezirksverwaltung
ihrer Rolle als Genehmigungsbehörde gerecht werden.
Fast nebenbei ist im Zuge des Projektes auch noch ein kleiner Erfolg zu verzeichnen.
So sind angeregt durch die Berichte der mongolischen Kollegen über ihre Heimatregion
und einige Pressemitteilungen spontan eine handvoll Mittweidaer Bürger zum
Khuvsgul-See gereist und haben in diesem Jahr ihren Urlaub dort verbracht. Im
nächsten Jahr werden es vielleicht schon einige mehr sein.
Jens Geu
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