US-Unternehmen stört an Berlin, dass eine Flugverbindung in die
Vereinigten Staaten fehlt. Sony dachte darüber nach, die Europazentrale
zu verlegen, weil Berlin nicht direkt mit Tokio verbunden ist. Aber
einen Interkontinentalflug gibt es: in die Mongolei.
Berlin - Um 14.10 Uhr weht plötzlich ein Hauch von Mongolei
durch die nüchterne Halle. Am Abflugschalter 1 sammelt der
diensthabende Angestellte der Mongolian Airlines (MIAT) seine letzten
Schäfchen persönlich ein. Er lächelt, die Schäfchen lächeln. Nur noch
wenige Minuten bis zum Start des Fluges, doch von Hektik keine Spur.
Man begrüßt sich, man bittet höflich zur Abfertigung. Man zeigt sich
allseits entspannt. Die vier Geschäftsleute verschwinden gut gelaunt
hinter den Milchglasscheiben. Wenig später hebt die Maschine pünktlich
vom Berliner Betonboden ab.
Wenn sie, dem Fluplan folgend, neun Stunden und 15 Minuten später
auf dem Flughafen von Ulan Bator landen wird, werden die Passagiere in
eine Kälte von minus 30 Grad und, so die Vorhersage, strahlenden
Sonnenschein entlassen. Es ist ein Flug in eine andere Welt, zweimal
pro Woche von Tegel aus. Es ist die einzige Interkontinentalverbindung
(mit Zwischenstopp in Moskau), die von der deutschen Hauptstadt aus
bedient wird.
Ojunbold Dambarawdsaa ist guter Dinge. Er muss es sein, er ist der
Kapitän des heutigen Fluges. Er erwartet keine Schwierigkeiten. Nur die
Zeitumstellung mache ihm und seiner Crew ein wenig zu schaffen. Sieben
Stunden muss man am Ende der Reise hinzu rechnen. Herr Dambarawdsaa ist
ein leiser, zurückhaltender Mann. Auf dem Kopf trägt er eine fesche
Schirmmütze, um den Körper einen schwarzen Ledermantel. Ein bis zweimal
im Monat fliegt er die Route, seit nun sieben Jahren. Nein, sagt er,
größere Probleme habe es noch nie gegeben.
Das Fluggerät gilt als einwandfrei, es wird, auch in Ulan Bator, von
der Lufthansa gewartet. Der Airbus 310 fasst 216 Passagiere, an diesem
Donnerstag ist er zu mehr als der Hälfte ausgebucht. 6700 Passagiere
sind in den ersten zehn Monaten des Jahres mit MIAT von Tegel nach Ulan
Bator unterwegs gewesen, 17 700 Gäste haben die Route in umgekehrter
Richtung gewählt. Die Preise liegen zwischen 948 für das Spar- und 7308
Euro (ohne Steuern) für das Erste-Klasse-Ticket. Ein lukratives
Geschäft, das im kommenden Jahr durch den Weiterflug zum Drehkreuz
Frankfurt/Main noch verbessert werden soll.
Es sind Geschäftsleute und Touristen, Studenten und
Familienangehörige, die von Tegel in die Mongolei aufbrechen. Sie
reisen mit Aktentasche, mit Rucksack, mit tausenderlei Kartons und
Kisten. Viele Passagiere sind elegant gekleidet, unter ihnen Aufsehen
erregend hübsche und metropolitan gekleidete Frauen. Mit dabei ist aber
auch mal ein junger Mann mit archaisch anmutendem Pfeil und Bogen, die
das besondere Interesse der Grenzpolizei erregen.
Margot Seidler wartet auf ihren Mann. Die Maschine soll um 12.45 Uhr
landen. «Eigentlich», sagt sie, «gibt es kaum Verspätungen.» Eigentlich
käme man auch immer an. Bei schweren Schneestürmen allerdings könnten
sich die Flugzeugtüren auch schon mal in Irkutsk öffnen. Aber von dort
gebe es ja gute Anschlüsse nach Ulan Bator. Frau Seidler selbst ist die
Strecke schon an die zehn Mal geflogen. Ihr Mann ist in der deutschen
Botschaft in Ulan Bator beschäftigt.
Der Service an Bord der Maschinen, weiß sie aus Erfahrung, sei
ausgesprochen freundlich. Gereicht würden zwei kalte Snacks und eine
warme Mahlzeit. Alles bestens. Auch die Stimmung im Flieger sei
entspannt. «Natürlich», sagt sie, «muss man mit fröhlichen Runden
rechnen.» Je länger der Flug dauere, desto fröhlicher. Denn dann gehe
der Wodka um. Frau Seidler schaut nachsichtig drein.
Auch zwei junge Frauen warten, auf ihre Freundin Myakhansamboo
Altnaa. Die 21-Jährige will sich an der Hartnack-Sprachenschule
einschreiben. Zur Begrüßung hat sie ein kleines Blumengebinde
mitgebracht. Deutschland ist bei jungen Mongolen beliebt als
Studienland. Viele akademische Kontakte bestehen noch aus der Zeit der
DDR. Frau Altnaa ist glücklich, von zwei Landsleuten abgeholt zu
werden, ein kleines Gefühl des Vertrautseins in diesem so vollkommen
fremden Land. Ein kleiner Trost so fern der Heimat.
Kurz nach 14 Uhr, noch immer am Schalter 1. Ein letzter Kuss, ein
letzter Blick. Thomas Rudel hat seine Frau und seine Schwiegermutter
von Tübingen nach Tegel gebracht. Seine große Liebe hat er vor Jahren
bei einem Praktikum in der Mongolei kennen gelernt. Der 30-Jährige lobt
die Verbindung Berlin - Ulan Bator.
Wer den Weg von Frankfurt aus nähme, müsse sich auf eine Nacht in
einem Moskauer Transithotel einrichten. Und das sei nicht das reine
Vergnügen. «Das hier», sagt er, «ist der beste Flug.» Im Augenblick
seien Flugscheine leicht zu bekommen. Nur zum mongolischen Neujahrsfest
im Februar und zum Staatsfeiertag im Juli seien die Maschinen
hoffnungslos ausgebucht.
Thomas Rudel beobachtet die Fluggäste, die nach dem letzten Aufruf
noch an den Schalter treten. «Mongolische Gelassenheit», sagt er, «man
wartet bis zum Schluss.» Zum Schluss aber sind alle da. Keiner fehlt
auf der langen Reise. Der Europa-Direktor der Fluglinie persönlich
schließt den Schalter. Und lächelt.