Zwei Steine, ein Ei dazwischen
Der innermongolische Clash of Civilisation: Die
Hardrockband Hurd aus der selbstständigen Äußeren Mongolei darf nicht
in der chinesischen Provinz Innere Mongolei auftreten
Die bevölkerungsarme, aber rohstoffreiche Mongolei,
zwischen den Großmächten China und Russland, wird von mongolischen
Politikern als "Ei zwischen zwei Steinen" bezeichnet. In diesem Jahr
häuften sich wieder die Analysen chinesischer Generalstäbler und
Historiker, in denen behauptet wurde: "Die Äußere Mongolei ist ein Teil
Chinas, der durch die Sowjets 1945 listig von China abgetrennt wurde."
Im Gegenzug gibt es seit einiger Zeit ausgehend von Ulan-Bator einen
wachsenden Panmongolismus und Dschingis-Khan-Kult auch unter den
mongolischen Stämmen in Kalmückien, Tuwa, der Altairegion, Burjatien
und den Mongolen in der chinesischen Provinz Innere Mongolei.
Die chinesischen Machthaber sind wegen des wachsenden
Selbstbewusstseins ihrer muslimischen Minderheitenvölker nervös
geworden; bei den Mongolen bestand dafür bisher wenig Anlass zur Sorge,
denn die Innere Mongolei profitiert derart von dem allchinesischen
Wirtschaftsaufschwung, dass es ihren Bewohnern weitaus besser geht als
den in der "Äußeren Mongolei". Aber die Grenze ist seit Auflösung der
Sowjetunion offen, und es besteht keine Visapflicht mehr für Mongolen
im kleinen Grenzverkehr, sodass sich die Kontakte zwischen sinisierten
und sowjetisierten Mongolen langsam "normalisieren".
In diesem Zusammenhang war die Hardrockgruppe Hurd (Speed)
aus Ulan-Bator Anfang November für drei Konzerte in die Innere Mongolei
eingeladen worden, nachdem ihre neue CD "I was Born in Mongolia" daheim
bereits die Charts erobert hatte. Als die Band in der Provinzhauptstadt
Hohhot ankam, erfuhr ihr Keyboarder und Produzent Damba Ganbayar jedoch
von einem Regierungsdolmetscher: "Your performances are cancelled" -
die Auftritte waren storniert worden . Das Gelände der Universität, wo
Hurd auftreten sollte, war von Polizisten abgeriegelt worden, die die
Ausweise der etwa 2.000 Konzertbesucher kontrollierten und einige über
Nacht festnahmen.
In den darauf folgenden Tagen wurden überdies drei
mongolischsprachige Internet-Chatrooms von den Behörden geschlossen. In
den letzten vier Jahren hatte Hurd bereits drei Konzerttourneen durch
die Innere Mongolei bestritten - unbeanstandet. Wie Damba Ganbayar
berichtete, waren ihre ersten Konzerte dort noch "sehr sowjetisch"
abgelaufen - mit vielen Polizisten drumherum und sehr disziplinierten
Besuchern, aber dann sei es immer lockerer geworden, "so wie bei
normalen Rockkonzerten", obwohl die Band angewiesen wurde, bestimmte
Slogans wie "We Mongolians are all together" und "All Mongolians rise
up and shout" zu vermeiden.
Das sei auch geschehen, dafür habe das Publikum jedoch
immer wieder "Genghis" gerufen: Dschingis Khan, dessen 800-jähriger
Geburtstag im kommenden Jahr groß gefeiert wird, übrigens auch in
Deutschland. Wie der Hurd-Keyboarder weiter berichtete, würden immer
mehr junge Leute in der Inneren Mongolei sich auf die mongolische
Kultur und Sprache besinnen, die ihnen von den Chinesen systematisch
ausgetrieben werde.
In der Inneren Mongolei leben noch vier Millionen
Mongolen, fast doppelt so viel wie in der Äußeren Mongolei, aber sie
sind in ihrer Provinz eine Minderheit, denn es wurden dort inzwischen
auch 18 Mio Chinesen angesiedelt - von denen viele sich im Handel mit
der Äußeren Mongolei betätigen. Sie sind dort jedoch nicht beliebt,
2003 kam es in den Grenzorten bereits zu antichinesischen
Demonstrationen und ein Wächter vor der chinesischen Botschaft in
Ulan-Bator wurde erschossen. Inzwischen gehören dort fast alle
Kaschmirfabriken den Chinesen, und China ist der größte Handelspartner
der Mongolei, das seine gesamte Kupferförderung an China verkauft.
Parallel zu dieser Wirtschaftsoffensive der Volksrepublik
in der Äußeren Mongolei wurden in der Inneren Mongolei jetzt etliche
Plattenläden geschlossen und viele Kassetten bzw. CDs mit mongolischer
Musik konfisziert, außerdem hat die Überwachung mongolischer
Intellektueller wieder zugenommen." HELMUT HÖGE
taz Nr. 7528 vom 1.12.2004, Seite 16, 134 Zeilen (TAZ-Bericht), HELMUT HÖGE taz muss sein:
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