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Was gibts neues in UB?

Sicherlich reist kaum ein Ausländer in die Mongolei mit dem Ziel, seinen Urlaub in Ulaanbaatar zu verbringen, aber die kurzen Hinweise der meisten Reiseberichte zum Thema Hauptstadt der Mongolei sind eigentlich ziemlich ungerecht und geben nur die Vorurteile wieder, die die meisten Reisenden bereits in das Land mitgebracht haben und die in den oft nur wenigen Stunden Stadtaufenthalt auch nicht abgebaut werden.

Für den, der bereit ist, die Stadt wirklich kennenlernen zu wollen, warten aber ganz andere Entdeckungen. Was macht eigentlich das positive Flair dieser Stadt aus? Das ist zum einen die nahe und immer sichtbare Bergwelt, die auch mitten aus dem Stadtzentrum heraus immer deutlich vor Augen führt, das Ulaanbaatar nur ein winziger Punkt der Industrialisierung inmitten wilder, unberührter Landschaften ist. Das sind auch die überdimensionalen Geländewagen im Straßenbild der Hauptstadt, die dieses Bild verstärken und einen Hauch von Freiheit und Steppe in die Metropole hineintragen. Und das sind die Gesichter von hunderttausenden modernen jungen Menschen, die das Straßenbild zu beherrschen scheinen, denn Ulaanbaatar ist weltweit die Hauptstadt mit der jüngsten Bevölkerung. Grau ist die Stadt auch schon lange nicht mehr. Geradezu auffällig sind die herrlich improvisierten Werbungen, Aufschriften und Reklamen mit denen heute jeder um Kunden wirbt. Wer heute in Ulaanbaatar einkaufen möchte oder muss, der findet im Grunde genommen alles. Vorbei sind heute auch die Zeiten, in denen das komplizierte Kassenbonsystem dem Ausländer Kopfzerbrechen bereitete. Es gibt nunmehr eine Vielzahl von Supermärkten, die mit Selbstbedienung und elektronischen Kassen ein vollständiges und systematisches Sortiment an Waren anbieten. Neben Märkten, die häufig deutsche Waren anbieten, gibt es aber auch solche mit einem vollständigen Sortiment aus Korea, wie beispielsweise das Sky Center am Tschingis Khan Hotel. Interessant ist dabei auch, das der Übergang zur Selbstbedienung fast problemlos erfolgte und in diesen Märkten nicht wie in vielen anderen Ländern üblich ein Heer von getarnten Detektiven darüber wacht, dass auch alles in den Wagen und nicht in die Tasche wandert. Es scheint in der Mongolei einfach für bestimmte Dinge auch noch ungeschriebene Gesetze zu geben. Abgesehen vom Zach sind auch kaum Fälle von Taschendiebstählen bekannt. Eine ganz bewundernswerte Situation herrscht dabei bei den privaten Geldtauschern. Die haben ihren eigenen Markt im nördlichen Stadtzentrum und tauschen aus Plastiktüten oder Umhängetaschen heraus Tausende von Dollars in Minuten zu Millionen von mongolischen Tugriks oder umgekehrt. Hier gibt es keinerlei Sicherheitsvorkehrungen keine Überwachungskameras und nicht mal Polizisten, der Umsatz ist aber größer als in den meisten Schalterräumen einer europäischen Bank und passiert ist noch nie etwas.

Dass es in der Stadt keine Fachgeschäfte gibt, müsste nunmehr auch schnell in den Reiseführern korrigiert werden. Die Tage der Delguurs in den Kellern von Wohnhäusern sind auch gezählt und der allseits bekannte Zach hat als offener Markt sein Gesicht nach dem Umzug ebenfalls gewaltig geändert, zum Leidwesen mancher Sensationstouristen ist er jetzt fast schon sauber und wirklich geordnet aber auch größer denn je.

Auch ist der Zach kein Basar für traditionelle und handwerkliche Produkte, die gibt es dort zwar auch, aber vielmehr ist der Zach mit seinen nach offiziellen Angaben 2000 Verkaufsständen eine ökonomische Alternative zu teuren Ladenmieten in der Innenstadt. Es gibt selbst einen Elektronikbereich in dem durchaus hochwertige Geräte verkauft werden. Die für den Touristen und den Reisebericht interessant erscheinenden Dinge wie silbernes Zaumzeug, Filzprodukte oder ähnliches spielen im Alltagsgeschäft des Marktes eine eher untergeordnete Rolle. Selbst für viele Touristen ist, wenn sie ehrlich sind das Angebot an Textilien oft viel interessanter als das was der Reiseführer an Produkten vorgibt, denn wer braucht schon wirklich in Deutschland silbernes Zaumzeug oder einen echten mongolischen Sattel. Bei Preisen zwischen 10 und 15 USD kann man jedoch beispielsweise jede bekannte Jeansmarke dieser Welt an über 300 Verkaufsständen finden - und das in Originalqualität. Wem das nicht reicht, der kann sich für 10 USD noch eine Markenuhr zulegen oder mal bei den nicht ganz echten CDs vorbeischauen.

Ein ganz interessantes Thema ist heute auch die Gastronomie der Stadt. Das Angebot ist zahllos und bunt. Es gibt heute neben ukrainischen, russischen, indischen, japanischen, koreanischen, italienischen und türkischen Restaurants auch mexikanische oder solche in denen man französische Küche genießen kann. Kurzum es gibt eigentlich von allem etwas, so dass eine Beschreibung der deutschen Lokalitäten genügen soll. Bekanntestes deutsches Lokal ist natürlich das Khan Bräu. Es profitiert nach wie vor von seiner Lage und dem Bekanntheitsgrad, aber die Top Adresse ist es schon lang nicht mehr. Ein Grund dafür dürfte sein, dass die früher zahlreichen Live-Acts mongolischer Bands kaum noch stattfinden und dafür ein vermutlich echter Bayer nervige Oldies mit Keyboards und Rhythmusmaschine in den Biergarten tönt.

Auch ist das nach eigenen Angaben deutscheste Bier schon lange vom Tschingis Pilsener überholt worden und das mongolische Publikum interessiert sich kaum noch für das "Bambruusch" (Teddybär), wie das Khan Bräu im mongolischen meist bezeichnet wird. Besser ist da schon das "Ikh Khuraltai", das vor der Friedensbrücke liegt und in dem man das erwähnte Tschingis Bier serviert bekommt, das nach wie vor von einem deutschen Braumeister produziert wird und sich von dem in Deutschland nicht unterscheidet.

 

Äußerlich auffällig ist das Ikh Khuraltai durch einen riesigen hölzernen Jurtenwagen, der gleichzeitig die Biergartenterrasse des Lokals ist. Hier kann man auch besser essen als im Khan Bräu oder dem größeren Khan Bräu Brauhaus. Das ist im übrigen nagelneu aber auch ohne Flair und Atmosphäre, es fällt darin regelrecht auf, im Vergleich zu den oft herrlich improvisierten Lokalitäten der Stadt. Im übrigen kann man im Sommer auch bei vielen Lokalen im Freien sitzen, da entgegen den Vorstellungen von der "kältesten Hauptstadt der Welt", in den drei Sommermonaten die Temperaturen durchaus südländisch sein können und wegen der fehlenden Luftfeuchtigkeit die aufgeheizten Bauwerke der Stadt durchaus dafür sorgen können, das auch die Temperaturen am Abend kaum sinken. So gesehen kommt Ulaanbaatar mit Sicherheit auf bedeutend mehr "Biergartenwettertage" als beispielsweise München. Wer gute deutsche Küche sucht, der wird sie im Berlin Center finden, reichliche Auswahl und gute Qualität. Als Beginn einer langen Nacht in Ulaanbaatar ist auch nach wie vor ein Besuch im Tschingis-Restaurant gut. Hier befindet sich ja auch die Brauerei. Das Publikum und die Atmosphäre stimmen und Essen kann man eigentlich auch ganz gut. So richtig lustig wird es aber im Ku' Damm. Eine mongolische Studentin aus Dresden hat die wahrscheinlich stilechteste deutsche Kneipe ins Leben gerufen. Hier passt eigentlich alles und man trifft hier hauptsächlich auf deutschsprachige Studenten, die ihre deutschen Erinnerungen pflegen. Es liegt zwar abseits des Stadtzentrums aber im relativ markanten OTTO Center unweit des Gandan-Klosters. Generell kann man aber jedem empfehlen bei der Vielzahl der Kneipen nicht nach dem Reiseführer zu gehen, der meist hoffnungslos überholt ist, sondern einfach irgendwo reinschauen oder mongolische Bekannte dazu befragen.

Wer sich noch nicht zu alt dazu fühlt, für den sind mit Sicherheit die zahlreichen Diskotheken der Hauptstadt spannend und interessant. UB hat heute vielleicht hundert davon wobei alle Preisklassen vertreten sind. Was es im heutigen Ulaanbaatar erfreulicherweise überhaupt nicht gibt, sind reine Einrichtungen in denen hauptsächlich Ausländer verkehren. Überall wo man Party macht, sind hauptsächlich Mongolen die Gäste und man ist als Ausländer immer mitten drin im Trubel und hat niemals den Eindruck, in einer zwei Klassen Gesellschaft zu sein. Die Palette der Diskotheken reicht von geradezu gemütlichen Einrichtungen mit Pop-Oldie Musik, in denen selbst der über fünfzigjährige Deutsche noch seine helle Freude haben wird bis zu Techno-Diskotheken mit fast schmerzhaftem Licht- und Lärmpegel. Zu den letzteren gehört auf jeden fall der "Money Train" an der sogenannten "Westkreuzung". Früher hieß die Einrichtung "Top Ten" und so wird es zum Beispiel auch noch in einem angeblich 2001 aktualisierten Reiseführer als Nummer eins erwähnt. Hier läuft aber fast ausschließlich Techno und die Lichtanlage ist geradezu gewaltig aber ein paar Dutzend Fans verlieren sich in der riesigen Halle wo jeden Abend eine Love Parade ohne Gäste stattfindet. Immer voll ist es dagegen im "River Sound" unterhalb des Suchbataar Platzes. Hier gibt es Live-Musik und gemäßigten Disko-Sound bei gehobenem Ambiente. Die Stimmung ist eigentlich immer topp, die Preise dem Ambiente angepasst. Es ist auch relativ klein und so entsteht bei guter Stimmung eine fast familiäre Atmosphäre. Die derzeit wirklich beliebteste Lokation ist aber das "Fire" im Komplex des ehemaligen Moskau Restaurants nicht ohne Grund, denn hier stimmt bis auf die Toiletten aber auch einfach alles. Die Ausstattung ist erstklassig, das Personal hochprofessionell und das Publikum ist ein guter Mix aus feierwütigen Mongolen und meist ein paar jüngeren internationalen Touristen. Dazu kommt, dass immer auch Livemusik-Einlagen gefahren werden. Die Musik ist zwar stark aktuell, aber das bedeutet trotzdem nicht, dass nur Techno zelebriert wird und durch die Live-Einlagen gibt es auch immer etwas für die Nichttechnogeneration. Am schönsten ist es im Fire, wenn man unmittelbar nach einem längeren Landausflug die Nacht dort abfeiert. Der Kontrast kann nicht größer sein, wobei man eigentlich die Frage danach stellen könnte, was die vermeintlich wirklichere Mongolei ist. Sicher zur Enttäuschung der meisten Mongoleitouristen würde ich die Frage heute eindeutig so beantworten, dass ich sagen würde- hier. Hier lebt heute mit über 800'000 Einwohnern ein Drittel der gesamten mongolischen Bevölkerung und der Zuzug ist ungebrochen und im Grunde genommen ist die Stadt ein Querschnitt der mongolischen Bevölkerung aus allen Provinzen. Die Einwohner sind entweder selbst nach Ulaanbaatar eingewandert oder es sind die Kinder derjenigen, die vor einigen Jahrzehnten das Leben in der Steppe gegen das in UB eingetauscht haben. Die Bevölkerung der Stadt hat praktisch keine eigene Geschichte und insofern ist es völlig falsch, wenn man die Stadt als ein unverträgliches Gegenstück zum ländlichen Nomadenleben darstellt. Diese Stadt haben die ehemaligen Nomaden und Ihre Nachkommen in erster oder höchstens zweiter Generation so geprägt wie sie sich jetzt darstellt, Ulaanbaatar, das ist die Mongolei und die mongolische Seele im Rahmen des 21. Jahrhunderts.

Jens Geu
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